Wundheilung im Alter: Fragile Haut, verändertes Mikrobiom und die Rolle von Diabetes
Aus chirurgischer Perspektive zeigt Ewa K. Stürmer, wie strukturelle Veränderungen der Altershaut, Komorbiditäten und ein verschobenes Hautmikrobiom die Wundheilung beeinträchtigen – und warum Diabetes Infektionsrisiko und Heilungsdauer zusätzlich erhöht.
Warum ist Wundheilung im Alter ein interdisziplinäres Problem?
Ewa K. Stürmer beschreibt Wundheilung im Alter als klassisches Schnittstellenthema: Dermatolog*innen, Chirurg*innen, Diabetolog*innen, Angiolog*innen und Pflegekräfte müssen zusammenarbeiten. Die alternde Bevölkerung, zunehmende Komorbiditäten und chronische Wunden machen Wundversorgung zudem zu einem sozioökonomischen Problem: Behandlungsaufwand, Versorgungszeiten und Kosten steigen deutlich. Der Begriff Dermatoporose dient dabei als klinische Klammer für die fragile Altershaut.
Was passiert mit der Altershaut – und warum entstehen so leicht Skin Tears?
Histologisch ähnelt die Altershaut eher einer „Dermatofibrose“. Das Bindegewebe verliert Elastizität, Kollagen wird herunterreguliert, das subkutane Fettgewebe nimmt ab und die dermo-epidermalen Verbindungen werden lockerer.
Die Folge: Bereits geringe Zug- und Scherkräfte führen zu Skin Tears, die Patient*innen häufig zunächst selbst behandeln. Trockene Gazen und zu stark haftende Pflaster vergrößern die Defekte beim Abziehen zusätzlich. Stürmer betont, dass die beste „Wundauflage“ bei oberflächlichen Skin Tears die eigene Haut ist: sorgfältiges Zurückrollen der abgehobenen Hautlappen und atraumatische Verbände, statt frühzeitiges Abtragen.
Kongressvideo Spektrum Hautgesundheit 2025
Sie möchten selbst einen Eindruck von Frau Prof. Stürmers Vortrag gewinnen? Dann schauen Sie sich doch gerne hier das Video an. Wir haben für Sie die wichtigsten Kernaussagen zusammengestellt:
Wie verändern Mikrobiom, pH-Wert und Biofilm die Wundheilung?
Ein zentrales Motiv des Vortrags ist das Hautmikrobiom. Im mittleren Erwachsenenalter ist die mikrobielle Diversität am höchsten, im höheren Lebensalter nimmt sie deutlich ab. Parallel verschiebt sich der Haut-pH.Wert von etwa 5,5 in den eher alkalischen Bereich – ein Milieu, in dem pathogene Keime wie Staphylococcus aureus oder Pseudomonas aeruginosa deutlich bessere Wachstumsbedingungen finden.
Kommt es zur Wunde, entsteht ein feuchtes Biotop, das die Bildung von Biofilmen begünstigt. Stürmer zeigt anhand elektronenmikroskopischer Aufnahmen, wie Bakterien von einer schützenden Matrix aus Polysacchariden, Proteinen und Lipiden umgeben sind. Diese Matrix schirmt die Keime vor Antiseptika und Antibiotika ab; die Substanzen sind auf Bakterien, nicht auf Matrixauflösung ausgelegt. Für die Disruption von Biofilmen seien daher tensidhaltige Ansätze erforderlich, um die Matrix zu öffnen und antimikrobielle Therapien überhaupt wirksam an die Bakterien zu bringen.
Eine primär neoadjuvante, systemische Antibiotikatherapie steht dabei weniger im Vordergrund als die lokale Kontrolle des Milieus: pH, Feuchtigkeit, Debridement, Biofilm-Management und konsequente Infektionsprophylaxe.
Warum verschlechtert Diabetes die Wundheilung so deutlich?
Besonders kritisch bewertet Stürmer die Kombination aus Alter und Diabetes mellitus Typ 2. Diabetes sei eine systemische Erkrankung, die weit über den Blutzucker hinausreiche und mehrere für die Wundheilung zentrale Prozesse gleichzeitig beeinträchtige: Er führt zu einem chronisch inflammatorischen Grundzustand, verursacht Mikroangiopathien mit eingeschränkter Gewebedurchblutung, verschlechtert insbesondere bei Adipositas die Oxygenierung, reduziert das Schmerzempfinden – vor allem an den Füßen – und verändert die Keratinozytenfunktion, was sich häufig in Hyperkeratosen äußert. All dies fördert chronische Ulzera, Infektionen und Langzeitverläufe bis hin zur Amputation. Viele Patient*innen empfänden Adipositas und Diabetes fälschlicherweise als „normalen Altersprozess“, was die Bereitschaft zur Prävention und Lebensstiländerung zusätzlich vermindere.
Welche Rolle spielen Operationen und perioperative Risiken?
Stürmer erinnert daran, dass Wunden im Alter nicht nur durch Alltagsereignisse entstehen: Mit der alternden Bevölkerung nehmen elektive Eingriffe wie Hüft- und Knieendoprothesen zu. Alter, Diabetes und erhöhter Body-Mass-Index (BMI) sind zentrale Risikofaktoren für postoperative Wundheilungsstörungen, Infektionen und Wunddehiszenzen. Auch wenn diese nicht immer stationär behandelt werden müssen, bedeuten langwierige Wundverläufe eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität – etwa durch eingeschränkte Mobilität oder die Unmöglichkeit zu duschen.
Welche Bedeutung haben Prävention, Lebensstil und Hautpflege?
Im praxisnahen Teil des Vortrags fokussiert Stürmer auf Prävention, Lebensstil und Pflege der Umgebungshaut. Körperliche Aktivität, Rauchstopp, Ernährung und konsequente Hautpflege könnten die Hautbarriere stabilisieren, seien in der Realität aber schwer umzusetzen – „schöne Mittelchen“ würden deutlich leichter akzeptiert als tägliche Bewegung.
Zur Hautpflege berichtet sie von einer großen Patient*innengruppe, die auf sehr reichhaltige, klebrige Salben schwört, etwa klassische Bepanthen®-Präparate aus der Tube. Viele ältere Patientinnen empfänden „dick, klebrig und lange feucht“ als besonders wirksam. Sie selbst bevorzuge bei nässenden oder infizierten Wunden Emulsionen mit Antiseptikum und empfiehlt diese aktiv – beobachtet jedoch, dass Patient*innen häufig wieder zu den vertrauten, okklusiven Produkten zurückkehren.
Welche Perspektiven bietet das Mikrobiom – und was bleibt realistisch?
Experimentelle Ansätze zur Reprogrammierung, stammzellbasierte Strategien und Mikrobiom-Modulation stammen bislang überwiegend aus der Grundlagenforschung und aus Modellsystemen wie Drosophila oder Maus. Stürmer skizziert das Konzept des „Reprogrammings“ – differenzierte Zellen in einen regenerationsfähigen Zustand zurückzuführen – und sieht im Mikrobiom ein potenzielles zukünftiges Feld, etwa analog zu „Livebiotics“ im Darm. Gleichzeitig betont sie, dass diese Konzepte beim Menschen noch weit von der Routine entfernt sind.
Fazit
Stürmer kommt zu dem Schluss, dass Wundheilung im Alter vor allem von drei Faktoren bestimmt wird:
- fragile Altershaut mit strukturellen Veränderungen,
- ein verändertes Mikrobiom mit Biofilmbildung,
- Komorbiditäten, allen voran Diabetes.
Bis innovative Ansätze aus der Forschung klinisch verfügbar sind, bleibt die Wundheilung im Alter ein Feld der konsequenten Basisarbeit: Prävention, gutes Wundmanagement, angepasste Hautpflege – und viel Geduld bei ansonsten mobilen, motivierten Patient*innen.
Redaktion: Dr. Christian Kretzschmer, Gelbe Liste Online