UV-bedingter Hautkrebs auf dem Vormarsch: Warum Prävention wichtiger wird denn je
Thomas Dirschka erklärt, warum UV‐bedingte Hautschäden in einer älter werdenden Gesellschaft explodieren, welche biologischen Mechanismen dahinterstehen und wie Prävention heute aussehen muss: realistisch, wirksam und technologisch unterstützt.
Wie stark nimmt UV-induzierter Hautkrebs zu?
In seinem Vortrag macht Dirschka den Trend sofort deutlich: Plattenepithelkarzinome haben zwischen 1986 und 2019 um mehr als 500 % zugenommen. Operationen werden größer, Patient*innen älter, viele Eingriffe komplexer. Die Versorgung stoße zunehmend an systemische Grenzen – reine Behandlung könne das Problem nicht lösen, Prävention müsse stärker in den Mittelpunkt rücken.
Warum überschätzen wir Sonne – und unterschätzen ihr Risiko?
Dirschka spannt einen ungewöhnlichen Bogen, um die besondere Faszination der Sonne zu erklären. Das menschliche Gehirn sei von Natur aus darauf ausgerichtet, Licht positiv zu bewerten: Über die Retina aktiviert Sonne direkt die Wohlfühlzentren im limbischen System. Evolutionsbiologisch kam ein weiterer Verstärker hinzu – Sonnenlicht wurde sogar als „Befreiung von Krankheit“ erlebt – etwa wenn ein Sonnenbrand die obersten Hautschichten mitsamt Parasiten ablöste. Aus dieser Kombination aus biologischer Belohnung und historischer Erfahrung entstand ein kulturell tief verankerter „Gesundheitsruf“ der Sonne.
Genau dieses Erbe erschwere moderne Prävention: Die Risiken von UV-Strahlung treten erst mit großer zeitlicher Verzögerung auf, sodass Warnsignale kognitiv wenig greifen und schädliches Verhalten häufig fortgesetzt wird.
Welche Rolle spielt Altern und „Inflammaging“?
Neben UV ist das Alter ein zentraler Treiber. Dirschka beschreibt einen Prozess chronisch niedriger Entzündung („Inflammaging“), der die Tumorentstehung begünstigt und die Haut verletzlicher gegenüber weiteren Schädigungen macht. Besonders deutlich zeigt sich das bei Menschen mit ausgeprägter Feldkanzerisierung, deren stark lichtgeschädigte Haut eine Vielzahl präkanzeröser Areale aufweist.
Noch größer ist die Gefahr für Patient*innen unter Immunsuppression, etwa nach Organtransplantation: Für sie liegt das Risiko, ein Plattenepithelkarzinom zu entwickeln, um ein Vielfaches höher – teils bis zu 250-fach. Dirschka erklärt, dass diese Patientengruppe heute häufiger an Hautkrebs verstirbt als an Abstoßungsreaktionen – ein deutlicher Hinweis auf die Relevanz gezielter Prävention und engmaschiger dermatologischer Betreuung.
Kongressvideo Spektrum Hautgesundheit 2025
Sie möchten sich selbst einen Eindruck von Herrn Prof. Dirschkas Vortrag machen? Dann schauen Sie sich doch gerne hier das Video an. Wir haben für Sie die wichtigsten Kernaussagen zusammengestellt:
Welche Prävention ist wirklich wirksam?
Dirschka betont: Prävention muss realistisch sein – und sie muss Verhalten, Kleidung und korrekten UV-Schutz kombinieren.
Sonnenverhalten und Kleidung
Der effektivste Ansatz bleibt die Reduktion intensiver Sonnenexposition. Diese ist regional unterschiedlich – in Madrid etwa erreicht die Sonne ihren Höchststand erst gegen 14:30 Uhr. Schatten bietet zwar Schutz, allerdings nicht vollständig: Reflexionen, UV-Durchlässigkeit von Gebäudeflächen und die Streuung über Wasserflächen können die individuelle Exposition deutlich erhöhen.
Besonders wirksam ist daher Schutzkleidung. Dirschka verweist auf den UV-STANDARD 801, der als einziger Test realistische Bedingungen abbildet – gedehnte, feuchte und bereits getragene Textilien. Baumwolle schneidet dabei eher schlecht ab, vor allem im nassen Zustand, während dunkle, elastische Materialien eine deutlich bessere Schutzwirkung erzielen.
Lichtschutzmittel
Sonnenschutzpräparate wurden ursprünglich entwickelt, um Sonnenbrand entgegenzuwirken, nicht um Hautkrebs zu verhindern. Dirschka erinnert daran, dass keine Bräunung ohne vorangegangene DNA-Schädigung entsteht – Pigmentierung sei eine Reparaturreaktion, kein Schutzmechanismus. Entscheidend für die Wirksamkeit ist zudem die aufgetragene Menge: Die empfohlenen 2 mg/cm² werden im Alltag kaum erreicht, sodass der ausgewiesene Schutzfaktor selten realisiert wird. Wichtig sei außerdem ein ausreichender UVA-Anteil, da UVA-Strahlung die immunologische Tumorüberwachung der Haut beeinträchtigen kann.
Zusätze und ergänzende Strategien
Unter den ergänzenden Präventionsansätzen gilt Polypodium leucotomos als gut untersucht. Photolyase wirkt in vitro vielversprechend, allerdings geben Hersteller die tatsächlich enthaltenen Wirkstoffmengen nicht an, was die klinische Bewertung erschwert. Nicotinamid, lange als potenziell protektiver Ansatz gehandelt, konnte in neueren Untersuchungen keinen belastbaren Nutzen mehr bestätigen.
Wie verändern Diagnostik und KI die Dermatologie?
Dirschka veranschaulicht anhand eindrucksvoller Beispiele, wie stark visuelle KI-Systeme die Dermatologie bereits verändern. Apps wie „PictureThis“ können heute rund 450.000 Pflanzenarten anhand eines einzigen Fotos unterscheiden – ein Hinweis darauf, welches Potenzial in bildbasierter Mustererkennung liegt.
Ähnliche Entwicklungen sieht er in der Dermatopathologie: KI-gestützte Systeme können in histologischen Präparaten inzwischen 87 Diagnosen abdecken, die etwa 85 % des histologischen Aufkommens ausmachen, die Tumortiefe und laterale Abstände vermessen und auf dieser Basis einen strukturierten Befundbericht generieren.
Auch klinisch rückt KI vor: 3D-Ganzkörperaufnahmen erlauben die automatische Erkennung veränderter Läsionen, was insbesondere bei Patient*innen mit zahlreichen Muttermalen oder komplexen Befunden eine erhebliche Entlastung darstellen kann.
Selbstverständlich sollen Technologien Ärzt*innen nicht ersetzen, sondern unterstützen – indem sie Routineaufgaben automatisieren und damit Raum schaffen für Beratung, individuelle Therapieentscheidungen und die Betreuung komplexer Fälle, so Dirschka.
Was bedeutet das therapeutisch?
Die Beispiele im Vortrag zeigen: Immuntherapien verändern die Behandlung älterer Patient*innen grundlegend. Beispiele aus seiner Praxis zeigen, dass selbst sehr hochbetagte oder multimorbide Patientinnen mit Plattenepithelkarzinomen oder Merkelzellkarzinomen erfolgreich systemisch behandelt werden können – häufig ohne operative Eingriffe, die in diesem Alter mit erheblichen Risiken verbunden wären. Moderne Antikörpertherapien ermöglichen damit Interventionen, die vor wenigen Jahren noch als kaum realisierbar galten.
Fazit
UV-bedingter Hautkrebs entsteht durch ein Zusammenspiel aus Verhalten, Biologie, Alter und Immunsystem – und die Inzidenzen nehmen seit Jahrzehnten dramatisch zu. Prävention müsse daher neu gedacht und vor allem realistisch vermittelt werden: Nur Maßnahmen, die verständlich, praktikabel und konsequent angewendet werden, können wirksam sein. Zugleich eröffnet der technologische Fortschritt neue Möglichkeiten. Moderne bildgebende Diagnostik und immunonkologische Therapien verbessern insbesondere für ältere und immunsupprimierte Patient*innen die Chancen auf frühzeitige Erkennung und erfolgreiche Behandlung.
Redaktion: Dr. Christian Kretzschmer, Gelbe Liste Online